Forum 2014

Der komplette Vortrag von Lars Thomsen zum Zukunftsforum der „2. Erlebnis E-Mobilität Nordhessen“ am 6. September 2014 in Schwalmstadt.

Forum E-Mobilität zum Auftakt der Messe in Schwalmstadt-Ziegenhain
Schwalmstadt
. E-Mobilität ist nicht allein eine Frage von Visionen, von Spinnereien und Träumen, sie ist in erster Linie eine Frage der Lebensqualität, der Notwendigkeit und der Ökonomie – aber auch der Ökologie. Da mag sich mancher die Augen gerieben haben, beim ersten Forum zum Thema E-Mobilität vor dem Beginn der 2. Messe zu diesem Thema in Schwalmstadt-Ziegenhain.

Drei Topreferenten und ein Saal mit 200 interessierten Zuhörern. Ziegenhain als Zentrum einer Aufbruchsbewegung in Sachen neue Mobilität? Für Nordhessen wohl schon! Auch Baunatals erste Stadträtin Silke Engler hatte den Weg ins Schwälmer Land gefunden. Man interessiert sich in Nordhessens Autostadt für die Zukunft der Branche. Maßgeblich am gestrigen Ansturm beteiligt war der Zukunftsforscher Lars Thomsen aus der Schweiz, der mit relativ wenigen Worten einen umfassenden Ausblick in die Zukunft skizzierte.

Beruf wird Berufung: Thomas Keil

Eröffnet wurde das Forum von Thomas Keil, der als leitender Mitarbeiter der EAM seinen Beruf zur Berufung gemacht hat und das Thema Elektromobilität in der Region vorantreibt, wie kein zweiter. Die Kreisbeigeordnete Adele Hafermas-Fey betonte in Vertretung für den Landrat die Bedeutung einer breiten Basis in der Umsetzung der Energiewende und Dr. Peter Doepgen erläuterte die Initiative der Landesregierung „Strom bewegt“. Dann aber stand der Ausblick in die Zukunft mit Thomsen im Zentrum und am Ende schien allen Teilnehmern eines klar: Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten.

Popcorn statt Glaskugel

Doch wie gestaltet sich der Blick in die Glaskugel heute? „Vergleichen Sie das mit einem Topf Popcorn, klassisch hergestellt, mit ein bisschen Speiseöl und einer Handvoll getrockneter Maiskörner in einer Pfanne mit Glasdeckel“, nimmt der Zukunftsforscher ein neugieriges Publikum mit auf die Reise. Nach einer Minute auf der Herdplatte wissen die Optimisten, „Gleich geht es los!“ Nach zwei Minuten sind sich die Pessimisten ganz sicher: „das gibt nichts mehr, falsches Fett, falscher Mais, schlechte Bedingungen…“

Aber wenn nach vier Minuten das erste Maiskorn poppt, werden die Optimisten enthusiastisch: „jetzt geht es los!“ Und die Pessimisten bleiben pessimistisch: „das war’s jetzt aber auch!“ Aber dann folgt in der Regel eine Reaktion, in der fast explosionsartig alle Maiskörner auf einmal zu Popcorn werden. So schnell kann die Entwicklung der Zukunft aussehen…

Zukunftsforschung – mehr als Science-Fiction

Trotzdem, zehn Jahre vorhersehen? Die Wahrnehmung für einen solchen Zeitraum ist von der Blickrichtung abhängig. Im Rückblick, so Thomsen, sind zehn Jahre stets schnell vergangen, die Kinder plötzlich aus dem Haus, die letzten Umzugskisten seit einem Jahrzehnt nicht ausgepackt. Hätte man hingegen vor zehn Jahren, im Jahr 2004, die heutige Gegenwart als Zukunft mit Smartphone und intelligenter Technik vorhergesagt, wäre das scheinbar mehr gewesen, als Captain Kirk in der damaligen Staffel von Raumschiff Enterprise hätte nutzen können. Und das war immerhin Science-Fiction.

Zukunftsforscher beschäftigen sich mit Tipping-Points, also Momenten, in denen sich bisherige Entwicklungen umkehren oder gravierend verändern. Ein solcher Tipping-Point ist, dass irgendwann Öl und Gas alle sind oder so teuer gefördert werden müssten, dass die Energiepreise unwirtschaftlich in die Höhe gehen. Abgesehen davon, dass diese Rohstoffe aus Ländern wie Syrien, Irak, Saudi-Arabien oder Venezuela kommen, in denen es ein zweifelhaftes Verhältnis zur Macht gibt.

Wenn „miese“ Effizienz unwirtschaftlich wird

Wirklich entscheidend ist der Punkt, an dem die Effizienz von Energiequellen ökonomisch greifbar wird. Lange Transportwege, der Energie-Aufwand zum Raffinieren des Rohstoffs und schließlich die geringe Energieausbeute im Auto selbst, wenn die aufgewendeten Energie vor allem in Wärme statt in Bewegung umgesetzt wird, bewirken vor allem eins: unterm Strich liegt die Effizienz vielleicht bei 15 Prozent und dann ist es völlig egal, ob Verbrennungsmotoren mit immensen Entwicklungskosten und hohem technologischem Aufwand noch einmal um einen Prozentpunkt gesteigert werden.

Die Effizienz eines Elektromotors kommt, wenn der Strom aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen wird, der 100prozentigen Effizienz ziemlich nahe. Aber wann wird das auch wirtschaftlich? Wann sinken die Batteriekosten oder steigen die Reichweiten? Heute schon sind große Radien und schnelle Ladezyklen mit enormer Geschwindigkeit möglich. Ein Tesla schafft durchaus mehr als 500 Kilometer mit einer Batterieladung und kann in 20 Minuten zur Hälfte wieder aufgeladen werden.

Die Ökonomen entscheiden über die „Mobilitätswende“ – nicht die Ökologen

Nichts wird gekauft, wenn es sich nicht rechnet. Auch dafür gibt es signifikante Punkte, an denen sich etwas verändert – wie beim Popcorn: einmal angestoßen, gibt es kein Halten mehr. Als ersten dieser Punkte in naher Zukunft, nannte Thomsen den Moment, an dem sich Photovoltaik auch dann rechnet, wenn es keinerlei staatliche Förderung mehr gibt. Und dieser Punkt steht unmittelbar bevor.

Der nächste Tipping-Point wird in 80 Wochen erreicht sein, wenn die Batterien durch steigende Produktionskapazitäten zu einem Preis verfügbar sind, der die Herstellungskosten für E-Fahrzeuge unter die von Autos mit Verbrennungsmotoren drückt. Von diesem Moment an werden nicht nur die Ökologen, sondern die Controller – also die Ökonomen – in den Unternehmen feststellen, dass die Kosten des Besitzes eines Fahrzeuges (total cost of ownership – TCO) mit Elektroantrieb niedriger liegen, als mit klassischem Benzin- oder Dieselmotor. Und wenn ein Jahr später E-Mobile auch für Privathaushalte billiger werden, ist auch der dritte Tipping Point überschritten.

Neue Spieler auf dem „Feld“?

Die Umkehr in weniger als 150 Wochen, also knapp drei Jahren? Es scheint so. Doch bei einer derart gravierenden Veränderung scheinen ein viel größeres Umdenken und eine enorme Vorstellungskraft vonnöten zu sein. An Beispielen wie der Handy-Entwicklung wurde deutlich, dass ein Computerhersteller wie Apple plötzlich ein marktfähigeres Mobiltelefon – das iPhone – bauen konnte als alle damals führenden Telefon-Hersteller. Marktführer Nokia hätte diesen Tipping-Point fast nicht überlebt. Aber mit den Smartphones, den intelligenten Multifunktionsgeräten, ist außerdem der ständige Zugang in ein großes, weltweites digitales Nervensystem realisiert. Was ist, fragt man sich dann als Zuhörer, wenn das Know-how in der Motoren- und Getriebetechnologie nicht mehr gefragt ist, weil Batterie und Spule ausreichen und Scheibenwischer neben den Reifen die einzigen regelmäßigen Verschleißteile im Lebenszyklus eines Automobils werden?

Werden die neuen Technologieunternehmen die zukünftigen Autogiganten sein, die Fahrgestell und Antrieb irgendwoher zu kaufen? Kommen unsere nächsten Autos von LG, Samsung, Google, Apple oder Microsoft?